Am Wochenende habe ich es nun endlich geschafft das 2008 erschienene Buch “unterwegs verloren” von Ruth Klüger zu lesen.
Es ist autobiographisch und eine Art Fortsetzung ihres Bestsellers “weiter leben”. In jenem ersten Buch verarbeitet sie ihre Kindheit in Wien, die bedrückende Umgebung für ein jüdisches Kind, dass im Wien der Nazizeit kaum etwas darf. Dann ihre Zeit im KZ, bei der Zwangsarbeit und schließlich die Flucht. “weiter leben” endet mit den ersten Erfahrungen und dem neuen Leben, dass die zu der Zeit 16-Jährige mit ihrer Mutter in den USA beginnen möchte.
Bereits am Ende dieses Buches klingt an, dass es für Ruth Klüger sehr beschwerlich weiter gehen sollte. Sie berichtet, wie sie dafür zurechtgewiesen wird, dass sie mit der unverhüllten Lagernummer auf dem Arm umherläuft. Dass man ihr vorwirft (zum Teil selbst Juden), sich zum Moralapostel aufzuschwingen und Ähnliches mehr wofür sich beim Leser ein beständiges Kopfschütteln einstellt. Es ist nach der Flucht nicht alles gut und ein Happy End erwartet die Überlebenden.
Man bekommt eher das Gefühl Klüger und ihre Mutter seien vom Regen in die Traufe gekommen. Aber wahrscheinlich kann man dieses Bild nicht auf die Konzentrationslager und das Leben danach verwenden. Es wird nur immer wieder deutlich, dass die Diskriminierungen kein Ende nehmen wollen und die jetzt im geschichtlichen Rückblick vermeintlich klaren Positionen von Gut und Böse lange Zeit so nicht vorhanden waren, dass sie also eher ein Konstrukt der geschichtlichen Aufarbeitung darstellen als eine tatsächliche Realität der damaligen Zeit.
In “unterwegs verloren” springt Ruth Klüger immer wieder in die Vergangenheit ihrer Kindheit zurück. Die traumatischen Erfahrungen und das verlorene Vertrauen der Jugendjahre versucht sie zu konfrontieren. Oder die Erinnerungen kommen ganz plötzlich über sie, in einer Art Panikattacke.
In diesem zweiten Buch geht es aber viel eher um die Diskriminierungen, die ihr weiterhin und unaufhörlich wiederfahren sind. 50er Jahre in den USA – da hatte Klüger, die bis dahin gelernt hatte sich auf sich selbst und ansonsten auf Frauen ihrer Umgebung zu verlassen, eine schwierige Zeit für das eigenständige Leben einer Frau gewählt. Obwohl hier von tatsächlichem Wählen nicht die Rede sein kann.
Immer wieder stellt sich ihr die Frage, ob ihr eine Diskrimierung (egal ob in Deutschland oder den USA oder sonst wo) auf Grund der Tatsache, dass sie eine Frau oder auf Grund ihrer jüdischen Herkunft widerfahren ist. Meist kann sie nur Vermutungen anstellen…
Ruth Klüger hatte schon in “weiter leben” einen Ton und eine Wortwahl, die vereinnahmt, weil sie so ehrlich ist, so vollkommen ohne künstlichen Pathos auskommt. Und doch gibt es sehr viele intime, aufwirbelnde Moment, die sie beschreibt, deren emotionalen Gehalt man sich nicht entziehen kann. Diese Art zu berichten behält sie in “unterwegs verloren” im wesentlichen bei. Hinzugekommen sind Erfahrungen und Perspektiven, die sie ganz klar von ihrem jetzigen Alter herleitet (auf die 80 zugehend…). Sie schreibt über Mutterschaft, über die Erfahrungen als Germanistin in den USA, als Frau an der Universität, als Jüdin wieder in Deutschland. Man kann sehr viel aus der Art, wie sie die Welt betrachtet, lernen. Denn sie rechnet ab, ist dabei aber nicht ungerecht und stellt sich teilweise sogar selbst in Frage. Beeindrucken, so eine intelligente und starke Frau…

5. Juni 2009 um 14:07 Uhr
Vielen Dank für diese wundervolle Rezension. Hatte vor einiger Zeit ein Interview mit Ruth Klüger gesehen und war sehr beeindruckt von dieser starken und intelligenten Frau. Schon da habe ich mir fest vorgenommen, ihre Bücher zu lesen. Bin leider noch nicht dazugekommen… dein Artikel bestärkt mich nun aber natürlich noch mehr in dieser Absicht.
5. Juni 2009 um 21:23 Uhr
Das ist natürlich ein sehr schöner Effekt…